Franziska Jentzsch (XPERTZ) im Interview: Warum nicht KI, sondern Teams und Rollen die eigentliche Revolution sind
Franziska Jentzsch ist Diplom-Wirtschaftspsychologin, Organisationsentwicklerin, Unternehmerin und Gründerin der XPERTZ GmbH. Seit 2002 arbeitet sie in der Beratung, von 2007 bis 2021 war sie zudem in Corporate-Funktionen in HR, Organisationsentwicklung, Business Development und HR-IT tätig. 2020 gründete sie zunächst nebenberuflich XPRT MATCH, eine HR-Beratung für Start-ups und schnell wachsende Unternehmen ohne eigene HR-Strukturen. 2022 folgten der Schritt in die vollständige Selbstständigkeit und die Gründung von XPERTZ Consulting. Seit 2025 bündelt sie ihre Beratungs- und Entwicklungsangebote in der XPERTZ GmbH und der XPERTZ Academy. Heute begleitet Franziska Jentzsch mit XPERTZ vor allem KMU und mittelständische Unternehmen in Transformationen und wirtschaftlich unsicheren Zeiten, ihr Spektrum reicht von Organisations- und Teamentwicklung über Fractional HR Leadership und CEO-Sparring bis zur Entwicklung von Führungskräften und Leadership Teams. Beim Synaworks Partnertag 2026 spricht sie über Führung im KI-Zeitalter. Ihre These: Nicht KI ist die eigentliche Revolution. Die größere Veränderung findet in unseren Teams, Rollen und in unserem Verständnis von Führung statt.
Wie aus einer Nebenbeschäftigung XPERTZ wurde
Synaworks: Du hast bereits 2020 dein erstes Beratungsunternehmen gegründet und bist seit 2022 vollständig selbstständig. Was war für dich der Punkt, an dem Unternehmertum die logische Konsequenz wurde?
Franziska Jentzsch: Ehrlich gesagt gab es nie den einen Moment, an dem ich beschlossen habe, Unternehmerin zu werden. Es war eher ein Prozess. Ich habe viele Jahre parallel in der Beratung und in Unternehmensfunktionen gearbeitet und dabei gemerkt, wie viel Freude es mir macht, Unternehmen nicht nur zu begleiten, sondern beim Wachsen mitzugestalten.
2020 habe ich mit einer kleinen nebenberuflichen Beratung begonnen. Daraus wurde Schritt für Schritt mehr. Aus einzelnen HR-Fragen wurden größere Themen rund um Transformation, Führung und Organisation. Heute interessiert mich vor allem eine Frage: Wie bauen wir Organisationen, Teams und Führung so auf, dass sie auch dann funktionieren, wenn außen wenig planbar ist? Genau daraus ist XPERTZ entstanden.
Was Konzerne, Start-ups und Mittelstand voneinander lernen können
Synaworks: Du kennst sowohl Konzerne als auch Start-ups, Scale-ups und Mittelstand. Was davon hilft dir heute besonders bei euren Kunden?
Franziska Jentzsch: Vor allem die Erkenntnis, dass jede Organisationsform ihre Stärken und Schwächen hat. Start-ups sind oft schnell und mutig, kämpfen aber irgendwann mit fehlenden Strukturen. Konzerne verfügen über hervorragende Prozesse, verlieren dafür manchmal Geschwindigkeit.
Im Mittelstand beobachte ich häufig etwas anderes: Viele Entscheidungen hängen noch an einzelnen Personen, oft an der Geschäftsführung. Solange alles gut läuft, funktioniert das. Sobald Veränderung ins Spiel kommt, wird genau das zum Engpass. Deshalb schauen wir selten nur auf Führungskräfte, wir betrachten das ganze System. Manchmal braucht ein Unternehmen kein weiteres Führungstraining, manchmal braucht es schlicht eine bessere Organisation.
Franziska Jentzsch, XPERTZ
Warum Technologie nicht das eigentliche Problem ist
Synaworks: Dein Vortrag trägt den Kerngedanken „Nicht KI ist die Revolution. Teams und Rollen sind es.“ Kannst du das an einem konkreten Fall festmachen?
Franziska Jentzsch: Das Interessante ist: Unternehmen können technologisch ziemlich weit sein und organisatorisch trotzdem noch im Jahr 2010 arbeiten. Sie haben Copilot, ChatGPT und eine KI-Strategie. Gleichzeitig braucht eine Führungskraft für eine einfache Entscheidung drei Abstimmungsschleifen und die Freigabe der Geschäftsführung. Für mich liegt genau dort die eigentliche Herausforderung.
Wenn eine Aufgabe statt drei Stunden plötzlich nur noch 30 Minuten dauert, interessiert mich weniger der Prompt. Mich interessiert: Was passiert mit den gewonnenen zweieinhalb Stunden? Verändert sich die Rolle? Übernimmt jemand andere Aufgaben? Welche Kompetenzen werden künftig gebraucht? Plötzlich reden wir nicht mehr über Technologie. Wir reden über Organisation, Rollen und Führung.
AI first, human-led: die Lücke zwischen Strategie und Alltag
Synaworks: Der Partnertag steht unter dem Motto „AI first, human-led“. Wo liegt der größte Unterschied zwischen dem, was Unternehmen über KI sagen, und dem, was im Team tatsächlich passiert?
Franziska Jentzsch: Oben gibt es eine KI-Strategie. Unten gibt es fünf Menschen und sieben unterschiedliche Realitäten. Einer baut bereits eigene GPTs. Eine andere nutzt KI gelegentlich für Texte. Der Nächste lehnt sie komplett ab. Jemand hat Angst um seinen Job. Andere nutzen längst Tools, von denen das Unternehmen offiziell nichts weiß. Und dann schreiben wir darüber eine Folie mit „AI first“. Das reicht nicht.
Denn eine KI-Einführung verändert nicht nur Prozesse. Sie verändert Zusammenarbeit, Kompetenzen und manchmal ganze Rollenbilder. Deshalb gefällt mir der zweite Teil des Mottos besonders gut: human-led. Führung wird durch KI nicht weniger wichtig, sie wird anspruchsvoller. Führung bedeutet heute immer seltener „Ich kenne die Antwort“ und immer häufiger „Ich kann einen Rahmen schaffen, in dem wir gemeinsam eine Antwort finden“.
Was eine Teamanalyse zeigt, das KI nicht zeigen kann
Synaworks: Du arbeitest seit vielen Jahren mit dem Predictive Index. Was zeigt eine Teamanalyse, das eine reine KI-Einführung niemals zeigen würde?
Franziska Jentzsch: KI zeigt mir, was technologisch möglich ist. Eine Teamanalyse zeigt mir, mit wem ich diese Veränderung umsetzen möchte. Sie macht sichtbar, wie Menschen entscheiden, kommunizieren, mit Unsicherheit umgehen oder auf Veränderungen reagieren.
Das wird besonders spannend, wenn Anspruch und Realität auseinanderliegen. Ein Unternehmen möchte innovativer und schneller werden, die Analyse zeigt aber ein Führungsteam, das stark auf Sicherheit und Stabilität ausgerichtet ist. Genau solche Muster werden sichtbar. Deshalb nutzen wir Teamanalysen nicht als Persönlichkeitstest, sondern als Ausgangspunkt für die Frage: Passt unser Team eigentlich zu dem, was unsere Strategie von uns verlangt?
Zur Einordnung: Der Predictive Index geht auf den US-Verhaltensforscher Arnold Daniels zurück, der das Verfahren bereits in den 1950er-Jahren entwickelte und ab 1955 in Management-Workshops einsetzte. Es handelt sich um ein validiertes Verhaltensassessment, das heute von Unternehmen jeder Größe für Personalauswahl, Führungskräfteentwicklung und Teamanalysen genutzt wird, nicht um ein neueres Marketing-Tool. [1]
Der häufigste Fehler bei der KI-Einführung
Synaworks: Was ist der häufigste Fehler, den Führungskräfte gerade machen, wenn sie KI in ihre Teams einführen?
Franziska Jentzsch: Der häufigste Fehler ist, mit der Technologie zu beginnen. Viele fragen zuerst: „Welche KI sollen wir einsetzen?“ Die spannendere Frage lautet: „Welche Arbeit wollen wir künftig überhaupt noch von Menschen machen lassen?“ Erst wenn diese Antwort klar ist, sollte man über Tools sprechen.
Der zweite Fehler ist die Annahme, Führungskräfte müssten jetzt KI-Experten werden. Das müssen sie nicht. Aber sie müssen sehr gute Führungskräfte werden.
Synaworks: Wenn ein Teilnehmer nur einen Satz aus deinem Vortrag mitnimmt, welcher sollte das sein?
Franziska Jentzsch: „KI wird schlechte Führung nicht reparieren. Sie wird sie skalieren.“ Wenn Entscheidungen ausschließlich bei der Geschäftsführung getroffen werden, wird KI daraus keine selbstorganisierte Organisation machen. Wenn Rollen unklar sind, macht KI sie nicht klarer. Wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen dürfen, erzeugt ChatGPT kein Ownership.
Die eigentliche Frage lautet deshalb aus meiner Sicht nicht „Wie AI-ready seid ihr?“, sondern „Ist eure Organisation bereit für die Geschwindigkeit, die KI möglich macht?“
Was Führungsteams am Montagmorgen wirklich tun sollten
Synaworks: Wenn eine Geschäftsführung nach deinem Vortrag sagt: „Verstanden. Was mache ich Montagmorgen?“ Was antwortest du?
Franziska Jentzsch: Bitte nicht als Erstes neue KI-Lizenzen kaufen. Schaut lieber auf eure eigene Organisation. Wo verliert ihr Geschwindigkeit? Welche Entscheidungen landen immer wieder bei derselben Person? Wo sind Rollen unklar? Welche Aufgaben schaffen eigentlich keinen echten Mehrwert mehr? Und was könnte KI daran verändern?
Bei Führungsteams würde ich sogar noch einen Schritt früher beginnen: Versteht zuerst euer Team. Denn bevor wir über Technologie sprechen, sollten wir verstehen, wie Menschen heute zusammenarbeiten, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Das ist meistens der Hebel, der deutlich mehr Wirkung entfaltet als die nächste Software.

Franziska Jentzsch spricht beim Synaworks Partnertag 2026 am 22. September in den Design Offices Heidelberg. Sie interessieren sich für den Partnertag? Melden Sie sich bei uns.
Quellen
[1] LinkedIn Talent Solutions: Predictive Index und PI-Tests


