Datenmigration braucht mehr als Fleißarbeit
Im SAP-Umfeld wird gerade intensiv über Transformation gesprochen. Über S/4HANA, Migration, neue Tools und neue Möglichkeiten.
Gerade beim Thema Datenmigration sehen wir aber in vielen Unternehmen ein Muster, das immer wieder Probleme erzeugt: Es wird sehr viel gearbeitet, aber nicht immer am richtigen Hebel.
Mehr Aufwand allein macht Migration nicht besser.
Was auf der ALMOK26 noch einmal sehr deutlich wurde: Der Unterschied liegt nicht in noch mehr Handarbeit, noch mehr Excel-Listen oder noch mehr Sonderlogik. Der Unterschied liegt in einem Vorgehen, das Komplexität systematisch beherrschbar macht.
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Datenmigration ist selten nur ein technisches Thema

In vielen Unternehmen ist Datenmigration noch immer stark operativ geprägt.
Da gibt es Excel-Dateien mit Mappings, individuelle Regeln, historisch gewachsene Ausnahmen und Abstimmungen, die nur funktionieren, weil einzelne Personen den Gesamtzusammenhang noch im Kopf haben.
Das funktioniert oft erstaunlich lange.
Zumindest so lange, bis die Komplexität steigt, das Vorhaben skaliert oder zentrale Wissensträger ausfallen.
Spätestens dann wird sichtbar: Fleißarbeit ersetzt keine belastbare Migrationsstrategie.
Denn Migration ist nicht nur die Frage, wie Daten technisch von A nach B kommen.
Migration ist vor allem die Frage:
- Welche Daten werden wirklich noch gebraucht?
- Welche Strukturen sollen in die Zukunft mitgenommen werden?
- Welche Altlasten belasten das neue System unnötig?
- Und welcher Transformationsansatz passt überhaupt zur Ausgangslage?
Genau an dieser Stelle wird aus einem technischen Vorhaben eine strategische Entscheidung.
Die eigentliche Herausforderung:

Komplexität beherrschbar machen
- Ein wichtiger Impuls der ALMOK26 war aus unserer Sicht: Moderne Ansätze verbessern nicht nur die Geschwindigkeit der Analyse. Sie helfen auch dabei, komplexe Mapping-Regeln strukturierter, nachvollziehbarer und konsistenter abzubilden.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn viele Migrationsprobleme entstehen nicht erst beim Go-Live. Sie entstehen viel früher — dort, wo Transparenz über Daten, Regeln, Abhängigkeiten und Zielarchitektur fehlt.
Wenn diese Transparenz fehlt, passiert meist Folgendes:
- Es wird zu viel migriert
- Historische Lasten werden ungeprüft übernommen
- Entscheidungen werden zu spät getroffen
- Risiken werden erst sichtbar, wenn es teuer wird
- Das neue System startet mit alten Problemen
Das Ergebnis: technisch migriert, aber strukturell nichts gewonnen.
Deshalb ist unser Standpunkt klar:
Nicht mehr Handarbeit macht Migration besser.
Sondern ein Vorgehen, das Klarheit schafft, Entscheidungen vorbereitet und Komplexität systematisch reduziert.
Brownfield oder Greenfield? Oft ist das die falsche erste Frage
Viele kennen den Begriff Schatten-IT. Was deutlich seltener benannt wird, ist das Gegenstück: der Schatten-Fachbereich.
Schatten-Fachbereich bedeutet:
Die IT trifft Business-Entscheidungen, weil der Fachbereich seiner Verantwortung nicht nachkommt.
Kurzfristig funktioniert das.
Langfristig führt es dazu, dass:
- Fachbereiche Verantwortung abgeben
- IT immer tiefer in fachliche Entscheidungen rutscht
- Business Ownership verloren geht
Problem 3: Die IT überfordert sich selbst
In SAP-Transformationsprojekten hat die IT ohnehin mehrere zentrale Aufgaben:
- Technische Umsetzung (Customizing, Entwicklung, Tests)
- Projektmanagement und Koordination
- Qualitätssicherung und Stabilität
Wenn zusätzlich die fachliche Prozessdefinition übernommen wird, ist Überlastung vorprogrammiert mit Auswirkungen auf Qualität, Motivation und Projekterfolg.
Drei typische Szenarien und warum nur eines funktioniert

Szenario 1: IT übernimmt alles
Die IT dokumentiert Prozesse, trifft Business-Entscheidungen und setzt um.
Folgen:
– IT wird zum Sündenbock
– Fachbereiche entziehen sich Verantwortung
– Akzeptanzprobleme nach dem Go-Live
Szenario 2: Fachbereich ist allein verantwortlich
Der Fachbereich definiert Prozesse, IT setzt lediglich um.
Folgen:
– Fachbereiche sind fachlich überfordert
– IT verliert den Gesamtüberblick
– Lösungen bleiben oft ineffizient („So haben wir es immer gemacht“)
Szenario 3: Partnerschaftliches Modell (der einzig nachhaltige Ansatz)
Hier sind Rollen, Verantwortung und Zusammenarbeit klar geregelt:
Fachbereich (Business Owner):
– Definiert was fachlich benötigt wird
– Trifft Entscheidungen bei Zielkonflikten
– Übernimmt Verantwortung für Prozesse
IT (Business Partner):
– Zeigt wie Anforderungen technisch umgesetzt werden können
-Übersetzt Business-Anforderungen in SAP-Logik
– Bringt Optimierungsvorschläge ein
Gemeinsam:
– Prozesse dokumentieren
– Lösungen testen
– Entscheidungen treffen

Der Schlüssel: Die Rolle des IT-Business-Partners
Zwischen Fachbereich und IT braucht es eine klare Brückenrolle: den IT-Business-Partner.
Diese Rolle:
- spricht Business- und IT-Sprache
- moderiert Workshops
- strukturiert Anforderungen
- übersetzt fachliche Ziele in SAP-Lösungen
- managt Erwartungen auf beiden Seiten
Typische Profile:
- ehemalige Key User mit IT-Affinität
- IT-Mitarbeitende mit starkem Prozessverständnis
- Prozessberater mit SAP-Erfahrung
Fachbereiche konsequent in die Pflicht nehmen
Business Ownership ist nicht optional.
Das Management muss klar kommunizieren:
- Fachbereiche sind verantwortlich für ihre Prozesse
- IT unterstützt, entscheidet aber nicht fachlich
- Zeit und Ressourcen für Key User sind einzuplanen
Konkret bedeutet das:
- klare Benennung von Prozessverantwortlichen
- feste Zeitkontingente
- sichtbares Management-Commitment
Change Management von Anfang an mitdenken
Change Management ist kein Projektbaustein kurz vor dem Go-Live.
Es ist ein integraler Bestandteil der Transformation.
Das bedeutet:
- frühe Einbindung der Fachbereiche
- regelmäßige Kommunikation
- rechtzeitige Schulungen
- ernsthaftes Aufnehmen von Widerständen
Nicht „kurz vor dem Go-Live“, sondern ab Tag 1.
Fazit: Es geht nicht um Zuständigkeiten, sondern um Zusammenarbeit
Die moderne Rolle der SAP-IT ist nicht:
- alles selbst zu machen
- Fachbereiche zu ersetzen
- Business-Entscheidungen zu übernehmen
Sondern:
- Partner auf Augenhöhe zu sein
- zwischen Business und Technik zu übersetzen
- Entscheidungen zu ermöglichen, nicht zu treffen
IT sagt: WIE
Fachbereich sagt: WAS
Gemeinsam entsteht Erfolg.
Viele der beschriebenen Probleme entstehen nicht aus mangelnder Technik, sondern aus unklaren Rollen, fehlender Business-Verantwortung und zu spätem Change Management.
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